Die dialektische Revision der Psychoanalyse by Erich Fromm

Die dialektische Revision der Psychoanalyse by Erich Fromm

Author:Erich Fromm [Fromm, Erich]
Language: deu
Format: epub
Tags: Fachbuch
ISBN: 978-3-95912-090-6
Publisher: Edition Erich Fromm
Published: 2015-11-01T16:00:00+00:00


g) Das neue Verständnis des Unbewussten bei Ronald D. Laing

Tiefgreifende neue Einsichten zum Verständnis unbewusster Prozesse kommen im Werk von Ronald D. Laing zum Vorschein (vgl. R. D. Laing 1960, 1961, 1964, 1964a, 1966 und 1967). Laing kann zur „Daseinsanalytischen Psychoanalyse“ gerechnet werden (vgl. R. May et al., 1958), doch neben einigen allgemeinen philosophischen Positionen, die er mit anderen Existenzialisten teilt, unterscheidet sich sein Ansatz dadurch, dass er in jedes Detail der Phantasien und des Verhaltens seiner Patienten tief eindringt, sowie durch seine Bezogenheit auf sie und seine Empathie. (Vergleicht man seinen Zugang etwa mit dem, den der Mitbegründer der Daseinsanalyse, Ludwig Binswanger, in seiner Fallbeschreibung der Ellen West zeigt, wird der Unterschied sehr deutlich. Auch wenn er nicht für alle Daseinsanalytiker repräsentativ ist, so begibt sich Binswanger doch nicht wirklich in das Verstehen der Lebenserfahrung der Patientin hinein, sondern gibt einfach den üblichen Bericht, um dann die verschiedenen Symptome, Komplexe, Wünsche mit Begriffen zu belegen, die von Husserl und Heidegger genommen sind. Der Patient selbst bleibt unbekannt und außer einer Menge philosophischer Phrasen, die nur den herkömmlichen und entfremdeten Zugang zum Patienten verdecken, bleibt der Patient unbekannt.) [XII-057]

Ronald D. Laing ist vor allem ein radikaler Humanist. Für diesen Aspekt seiner Position ist folgende Äußerung kennzeichnend:

Die humanitas ist ihren Möglichkeiten entfremdet. Diese Grundeinsicht hindert uns daran, den „gesunden Menschenverstand“ für eindeutig gesund und den sogenannten Verrückten für verrückt zu halten. (...) Unsere Entfremdung geht bis an die Wurzeln. Eine Realisierung dessen ist notwendiger Ausgangspunkt für jede ernsthafte Reflexion über irgendeinen Aspekt zwischenmenschlichen Lebens heute. Aus verschiedenen Perspektiven gesehen, auf verschiedene Weise gedeutet und in verschiedenen Idiomen ausgedrückt, vereint eine solche Realisierung so verschiedenartige Männer wie Marx, Kierkegaard, Nietzsche, Freud, Heidegger, Tillich und Sartre. (R. D. Laing, 1967, S. 10.)

Seine Auffassung von Therapie ist seiner humanistischen Position nahe verwandt, wie die folgende Äußerung zeigt:

Psychotherapie muss der eigensinnige Versuch zweier Menschen bleiben, die Ganzheit des Menschseins durch ihre Beziehung zueinander wiederzuentdecken. (R. D. Laing, 1967, S. 46.)

Er behauptet, dass

eine therapeutische Beziehung, bei der ein Objekt verändert werden soll, statt dass ein Mensch akzeptiert werden soll, nur die Krankheit, die sie zu kurieren vorgibt, perpetuiert. (R. D. Laing, 1967, S. 46.)

Laings originellste Beiträge beziehen sich auf die unbewussten Aspekte der Erfahrung eines Menschen. In Das Selbst und die Anderen gibt er eine tiefgehende Analyse jener Phänomene, die von den meisten Psychoanalytikern vernachlässigt wurden. Der Reichtum und die Konkretheit seiner Analyse der zwischenmenschlichen Prozesse lassen sich nicht einfach zusammenfassen, so dass ich den Leser auf seine Schriften verweisen muss. Im übrigen halte ich Laings Denken innerhalb der Geschichte des psychoanalytischen Denkens für eng verwandt mit dem von Harry Stack Sullivan, vor allem wegen seiner konkreten Beschreibung der unbewussten Phantasien der Patienten, deren Kommunikation mit anderen und besonders mit dem Analytiker als einem „teilnehmenden Beobachter“. Erwähnen möchte ich eigens, dass Laing neues Licht auf die zwischenmenschlichen Erfahrungen Schizophrener geworfen hat, und zwar nicht nur durch seine Beschreibung, was in den an Schizophrenie Erkrankten vor sich geht, sondern auch wegen der Schilderung der zwischenmenschlichen Kommunikation innerhalb der Familien schizophrener Patienten.



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